28.10.10

Weltmännisch und sachlich

Rudolf Steiners Umgang mit einem Gegner


Aus: Ludwig Kleeberg, Wege und Worte – 1961

Besonders eindrücklich und beispielhaft wie Rudolf Steiner selbst einmal in der Zeit der Theosophischen Gesellschaft mit einem Gegner umging, kann man folgenden Zeilen entnehmen:

„Täuscht mich die Erinnerung nicht, so war es diesmal, dass der Hofrat Seiling anwesend war. Seine Visitenkarte lag auf einem Stuhle der erste Reihe. Er konnte Rudolf Steiner nicht nahe genug sein. Später ist er zur Katholischen Kirche übergetreten uns hat eine giftige Schrift gegen den einmal Verehrten losgelassen....
Vergriffen ist die Schrift Seilings „Theosophie und Christentum“. Diese war im Philosophisch – Anthroposophischen Verlag, Berlin, erschienen und mit einem Vorwort Dr. Steiners versehen. Als dieser nach Seilings Verrat gefragt wurde, ob nicht diese Schrift aus dem Verlag herausgezogen werden solle, sagte er: dazu liege kein Grund vor, denn besagte Schrift sei durchaus brauchbar."

Generalversammlung der Theosophischen Gesellschaft 1908


Lebenslängliches Vorstandsmitglied

Ludwig Kleeberg berichtet in seinem Buch "Wege und Worte" ( S. 202) von einer Generalversammlung der Theosoph. Ges. im Jahre 1908 in Berlin:

"Dr. Steiner hielt eine Begrüßungsansprache und stellte im Namen des Vorstandes den Antrag, dass ein Vorstandsmitglied, welches sieben Jahre lang dem Vorstand angehört hätte, in diesem auf Lebenszeit Sitz haben sollte. Denn ein Mitglied, welches sieben Jahre lang im Vorstand gearbeitet hätte, habe eine ganz andere Bedeutung als ein jüngeres. Ferner sollte der Vorstand, dem wachsenden Mitgliederstand entsprechend, erweitert werden. Die zunehmende Mitgliederzahl bilde in gewisser Weise eine Gefahr; es könne sich eine Mehrheit bilden, welche die Arbeit langer Jahre einfach zerstöre, und dem solle die Stabilität des Vorstandes entgegengesetzt werden."
Wie fremdartig klingen diese Worte doch in heutiger Zeit. Wie weit sind wir von der Verwirklichung solcher Ideale entfernt. Überall gilt nur der demokratische Weg, der als der zeitgemäßeste erscheint, der aber bei weitem nicht der geistgemäßeste ist.

24.10.10

FARBWAHRNEHMUNG

In einer vor kurzem begründeten neuen Zweig-Arbeitsgruppe haben wir uns mit dem Erleben von Farben beschäftigt.
Es ging dabei darum zunächst die Farbe sinnlich wahrzunehmen, dann die sich daran anschließenden Empfindungen und Gefühle ins Bewusstsein zu rücken und sich darüber auszutauschen.
Wir folgten überwiegend den Ausarbeitungen von Liane Collot d’Herbois (s.u.) über den Zusammenhang zwischen den Kulturepochen der Menschheit und der sich nach und nach entwickelnden Farbwahrnehmung der Menschen.
Wer sich mit der Erforschung vergangener Inkarnationen bemüht, sollte sein Augenmerk auch auf diesen Aspekt lenken. Er wird also in Griechenland eine andere Himmelsfärbung als in Ägypten erleben können.

In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass auch die traditionelle Wissenschaft Hinweise kennt, die auf eine völlig andere Farbwahrnehmung in alten Kulturen schließen lassen.

Hier ein Zitat aus den Vorbemerkungen der Herausgeber von:
Rudolf Steiner, Farbenerkenntnis - Die geschichtliche Entwicklung der Farbwahrnehmung
G 291a

“Der Grieche war vorzugsweise empfänglich in dem Rot, er lebte in dem Rot..., indem wir in einer gewissen Weise immer mehr und mehr lieb gewinnen die blaue und blau-violette Farbe, müssen sich ja unsere Sinnesorgane völlig ummetamorphosieren, umwandeln.

In der Mitte des 19.Jahrhunderts entdeckte man auf dem Wege der Sprachforschung, dass der Farbensinn der Menschheit in der geschichtlichen Entwicklung Veränderungen erlebt haben muss. Charles von Steiger fasste in seinem Aufsatz «Über die Farbwahrnehmungen der Menschen in früheren Kulturen und die auf diesem Gebiet gemachten Entdeckungen» den Gang dieser Entdeckungen wie folgt zusammen...
Der englische Premierminister und Homerforscher Gladstone hatte im Jahre 1858 (in «Studies on Homer») darauf aufmerksam gemacht, wie wenige Farbwörter sich in der Homerischen Sprache befinden und wie unbestimmt ihr Gebrauch, namentlich bei Blau und Grün ist. Diese Beobachtung wurde von Lazarus Geiger, einem deutschen Sprachforscher, weiterverfolgt, der nachwies, dass die Ausdrücke für Farben in der Bibel, den Veden, dem Zend-Avesta und anderen Werken früheren Datums mit der gleichen Unbestimmtheit gegenüber unserem festen Gebrauch auftreten (in «Zur Entwicklungsgeschichte der Menschheit», 1871). Der Entdeckung dieser Tatsachen folgte sogleich der Versuch, sie zu deuten, und zwar im Sinne der damals blühenden Entwicklungslehre, dem Darwinismus. Dabei entstanden, entsprechend der Allgemeinheit dieser Lehre und der daraus folgenden Schwierigkeit ihrer Verbindung mit den konkreten Beobachtungen, zwei sehr verschiedene Auslegungsarten, die sich aber beide auf den Darwinismus stützten.

Die eine vertrat, neben Geiger selbst, hauptsächlich der deutsche Ophtalmologe Hugo Magnus in zwei Broschüren: «Die geschichtliche Entwicklung des Farbensinns», 1877 und in «Preyersphysiolog. Abhandlungen» 1, IX, worin er darzutun versucht, dass die Farbenwahrnehmung des Kulturmenschen eine Eigenschaft ganz neuen Datums sei und dass vor kaum 3000 Jahren der Mensch unfähig gewesen, zwischen Violett, Grün, Blau und Gelb zu unterscheiden. Dieser Ansicht schlossen sich später auch Gladstone, A. R. Wallace, einer der Mitbegründer der Theorie von der natürlichen Auslese, sowie andere Wissenschaftler an (Gladstone: «The colour sense» in «Nineteenth Century», 1877;)“ 

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Hier ein weiteres Zitat aus:
Guy Deutscher „Im Spiegel der Sprache“-
Erst Rot, dann Gelb, dann Grün und Blau

„...Gladstone war aufgefallen, dass Homer sich auf verschiedene Farben mit ein und demselben Wort bezieht, für einen Gegenstand verschiedene Farbworte verwendet und überdies einen sehr reduzierten Farbwortschatz aufweist, in dem Schwarz und Weiß deutlich überwiegen, Rot immerhin vorkommt und auch korrekt verwendet wird, in dem hingegen das Blau des Himmels nicht zu finden ist. Für Gladstone war das ein Beleg dafür, dass Homer und seine Zeitgenossen tatsächlich noch nicht die Farben gesehen hatten, die wir kennen, weil diese Fähigkeit sich bei unseren Vorfahren erst danach durch eine stetige „Erziehung des Auges“ herausgebildet hätte – wozu auch das Herstellen von Farbstoffen gehörte, das zu Homers Zeiten noch kaum in Fahrt gekommen war. Nur wenige Jahre später stützte sich der Frankfurter jüdische Gelehrte Lazarus Geiger auf eine ungleich breitere Basis von Sprachstudien, um aus ihnen eine erstaunliche historische Entwicklung des Farbvokabulars abzuleiten: zuerst nur Schwarz und Weiß, dann Rot – so weit hatte Gladstone also an Homer richtig gesehen –, dann weiter entlang des Spektrums zu sukzessiven Erweiterungen mit Gelb, Grün und Blau.“ 






6.10.10

Geburtstagsfeier 2011

Die Gesellschaft bemüht sich mit all ihren Kräften, die Geburtstagsfeier im nächsten Jahr vorzubereiten. Nun soll es sogar einen Sonderzug "Rudolf-Steiner-Express" geben.
Da beschleichen einen ganz sonderbare Gefühle. Wen nicht solche unangenehmen Gefühle beschleichen, der möge lieber nicht mehr weiterlesen.
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Vielleicht hat der eine oder andere Anthroposoph ein Gefühl dafür, wie gewaltig die Größe unseres Geisteslehrers ist. Man stelle sich einmal vor, was diese Individualität wohl von uns erwarten würde, wie wir das Jubiläumsjahr begehen mögen?

Er selbst ließ sich zu Lebzeiten nie feiern. Wenn man einen besonderen Stuhl zu seinem Geburtstag in die Mitte rückte und ihn bat, sich darauf zu setzen, damit man ihn feiern könne, dann lehnte er das ab.

In einem solchen Festesszenarium, wie es geplant ist, feiern die Anthroposophen eher sich selbst, nicht ihren Inspirator.
Der würde wohl ganz andere Erwartungen an seine Schüler stellen. Er würde sicher noch viel größere Anstrengungen in der geistigen Arbeit, im Verwandeln der Persönlichkeit als ein viel schöneres Geburtstagsgeschenk empfinden.

Man könnte ja für das Jubiläumsjahr verabreden, dass alle besonders gründlich und bewusst ein Jahr lang die Nebenübungen machten. Oder ein Jahr lang besonders ernsthaft, innig, herzlich, lebhaft ihre Meditationen praktizieren. Oder eine ungünstige Gewohnheit überwinden.
Da würde es wie ein verstärktes Leuchten von diesem Planeten in den Weltenraum hinausgehen, dass man es noch weithin wahrnehmen könnte: JA, da sind Menschen. die haben die Botschaft Rudolf Steiners verstanden, sie ehren ihn und sich durch ihre inneren Bemühungen, nicht durch äußere Aktivitäten wie große Kongresse und Express-Züge, die lautstark durchs Land ziehen und auf ein lautes Presse-Echo schielen.

Da kann ich auch voll die Worte von Judith von Halle in den "Info-Seiten-Anthroposophie"  (Info3-Verlag- Herbst 2010) unterstreichen: "Ich könnte mir vorstellen, dass Rudolf Steiner glücklicher wäre, wenn Anthroposophie heute in der Gemeinschaft kräftiger Iche lebendig und schöpferisch in der Welt vertreten würde..."
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KOMMENTAR:


Anonym hat einen neuen Kommentar zu Ihrem Post "Geburtstagsfeier 2011" hinterlassen:

"Eines der drei Ideale des Bewusstseinsseelenzeitalters ist das wirkliche Interesse am anderen Menschen, das soziale Menschenverständnis; dies könnte bedeuten, dass man zunächst einmal ganz unbefangen fragen und zuhören wollen müsste, bevor man etwas wie die Motivfrage anderer Personen - ohne diese Personen zu kennen - aus der eigenen Vorstellung heraus "nachzuvollziehen" beginnt; wenn dieses Ideal nicht erfüllt wird, kommt man auch mit dem letzten der drei Ideale, der Geisterkenntnis durch Geisteswissenschaft nicht weiter, so Steiner. Schlimmstenfalls führt dies vielmehr zu anthroposophischem Fanatismus und/oder sozialem Autismus. Und anthroposophischer Fanatismus (Steiner warnte vor jeder Art von Fanatismus!) äußert sich besonders oft durch radikales Hängenbleiben in dualistischen Denkgewohnheiten.

Vieles von dem, was Sie schreiben, ist ja ganz schön. Nur ist der Ihren Aussagen immanente Dualismus selbst dazu geeignet, den Leser in die Lage zu versetzen, dass ihn "ganz sonderbare Gefühle beschleichen können". Wieso schliesst denn das eine das andere so unerbittlich aus?

Wieso wollen Sie Steiner eigentlich nur zum Geburtstag etwas schenken, was er sich vielleicht von Ihnen erwarten würde? Warum nicht jedes Jahr? Und: was sagt so eine angenommene Erwartungshaltung über Ihr Freiheitsverständnis aus, ist das nicht viel zu wenig freilassend, weil moralisch erdrückend? Das sind nur einige Fragen, die man sich auch stellen könnte, ganz ernsthaft, aber nicht fanatisch.

Kennen Sie denn die Initiatoren des Zuges, wissen Sie Genaueres über das Meditationsverhalten der an dem Zugprojekt beteiligten, können Sie ausschliessen, dass diese Menschn gerade die Nebenübungen auch in diesem Jahr besonders ernsthaft, innig und herzlich praktizieren? Schliesst das eine das andere aus? Ihrer Formulierungsweise nach wissen Sie scheinbar relativ wenig über das Zug-Projekt, seine Mitarbeiter und deren Motive, scheuen aber nicht davor zurück, ihnen unbekannterweise per Internetpublikation Unterstellungen zu unterbreiten. Sie sind doch Anthroposoph, oder? Ist so eine Vorgehensweise anthroposophisch vertretbar? Ist sie nicht sogar etwas respektlos?

Vielleicht ist ja doch etwas mehr "Sowohl-als-auch" notwendig, etwas weniger starre Einschränkungen auf eine objektive Wahrheit, die nur aus der eigenen Vorstellung gespeist ist und einem wirklichen Interesse am anderen Menschen und dessen Motivationen zuvorkommt und dieses Interesse letztlich vereitelt. Vielleicht ist es manchmal doch besser, einfach ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und zuzuhören, bevor man sich ein Urteil von etwas oder jemand bildet, ohne ihm begegnet zu sein. Dies wäre zumindest auch der respektvollere Weg."